Der herzzerbrechende Brief von Tha’ir Hahahla an seine 2-jährige Tochter

Der junge Tha’ir Al-Hahahla, der sich nun seit 75 Tagen im Hungerstreik befindet, hat über eine Anwältin einen Brief an seine 2-jährige Tochter Lamar geschrieben, welche wenige Monate nachdem er gefangen genommen wurde, geboren wurde und ihn nur von Fotos kennt, die an Wänden hängen.

Hier eine ungefähre Übersetzung des Briefes an seine Tochter:

,, Meine geliebte Lamar, verzeihe mir, weil die Besatzung mich dir weggenommen hat und von mir die Freude entrissen hat,meine erstgeborene Tochter zu sehen, die ich Allah immer gebeten habe zu erblicken, zu küssen und mit ihr glücklich zu sein. Dich trifft keine Schuld, aber das ist unser Schicksal als palästinensisches Volk, dass unser Leben und das Leben unserer Kinder von uns weggenommen werden, voneinander getrennt zu werden und unser Leben zerstört wird. So ist nichts in unserem Leben vollständig aufgrund dieser ungerechten Besatzung, die uns in jedem Augenblick  unseres Lebens auflauert und es in Fremdheit, Verfolgung und Folter verwandelt. Trotz dass ich beraubt wurde, dich in meinen Armen zu halten und deine Stimme zu hören, dich heranwachsen zu sehen und draußen um das Haus und in deinem Bett herumzulaufen zu sehen und trotz dass ich beraubt wurde, in meiner Menschenrolle als Vater mit meiner Tochter, so hat mir wahrlich deine Existenz all die Kraft und Hoffnung gegeben. Und als ich dein Foto mit deiner Mutter im Solidaritätszelt sah, so ruhig und voller Verwunderung die Menschen anstarrend, als würdest du nach deinem Vater Ausblick halten. Du schaust meine aufgehängten Fotos an, die überall im Zelt hängen. Im Inneren fragst du dich: ,,Warum kommt mein Vater nicht zurück?“  Ich habe gefühlt, du bist mit mir,in meiner Seele und in meinen Gedanken, und dass du ein Teil meiner Herzschläge,  meiner Standfestigkeit und meinem  Blut bist, das in meinen Körper fließt. Du öffnest vor mir alle Türen und breitest um mich herum einen klaren Himmel aus und dann lässt du deiner kindlichen Stimme nach dieser langen Ruhe freien Lauf.

Meine geliebte Lamar: Ich weiß, dass du daran keine Schuld trägst und dass du jetzt noch nicht verstehst, warum dein Vater diesen Kampf des offnen Hungerstreiks seit 75 Tagen durchläuft, weil sobald du groß bist, wirst du verstehen, dass der Kampf der Freiheit der Kampf der Rückkehr zu dir ist, und damit ich nie wieder nach dieser Sache von dir entfernt werde oder deines Lächelns und deines Ansehens beraubt werde, und damit die Besatzer mich dir kein weiteres Mal mehr entführen werden.

Wenn du groß bist, wirst du verstehen, wie deinem Vater und tausenden von Palästinensern Ungerechtigkeit widerfahren ist, die die Besatzung in Lager und Gefängniszellen gesteckt hat, ihr Leben und ihre Zukunft ohne jeglichen Grund zunichte macht und sie keine Schuld tragen außer dass sie Freiheit, Würde und Unabhängigkeit wollen. Und du wirst wissen, dass dein Vater, niemals Beleidigungen und Ergebung akzeptieren würde und dass er keine Demütigung und Verhandlung akzeptieren würde und dass er einen Hungerstreik führen wird als Protest gegen den hebräischen Staat , der uns zu Sklaven und gedemütigten Menschen ohne jegliche Rechte und ohne nationaler Würde zurückverwandeln will.

Meine geliebte Lamar: Halte immer deinen Kopf hoch und sei stolz auf deinen Vater und danke jedem , der mich zu mir stand, der die Gefangenen in ihren kämpferischen Schritten unterstützt hat und habe keine Angst und sei nicht besorgt, denn Allah ist immer mit uns und Allah lässt die Mu’miniin (ca. Gläubigen) und Geduldigen nicht im Stich. So  sind  wir Besitzer des Rechts und das Recht wird immer über die Ungerechtigkeit und die Übeltäter siegen.

Meine geliebte Lamar: Jener Tag wird kommen und ich werde alles für dich wieder ausgleichen und dir die ganze Geschichte erzählen und deine Tage, die folgen werden, werden noch schöner sein. So lasse deine Tage nun vorbeiziehen und trage die schönste Kleidung, und laufe und laufe dann nochmal in den Gärten deines langen Lebens. Gehe vorwärts und vorwärts, da nichts hinter dir ist außer der Vergangenheit und dies ist deine Stimme. Ich höre sie immer, ein Lied für das Leben.“

http://www.maannews.net/arb/ViewDetails.aspx?ID=484783

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10 tote palästinensische Kinder und 40 verletzte Kinder nach heftigem Zusammenprall von israelischem LKW und Schulbus

Ramallah.

Nach einem heftigen Zusammenprall zwischen einem israelischen LKW und einem palästinensischen Schulbus mit kleinen Kindern , sind heute 10 palästinensische Kinder gestorben. 40 Kinder wurden verletzt und 8 Kinder schweben in Lebensgefahr.

Der Unfall ereignete sich auf einer Strecke zwischen Ramallah und dem besetzten Jerusalem am Grenzübergang , wo die beiden Wagen aufeinanderstießen und der Schulbus umgekippt ist und in Brand geriet.

Bilder zum Unfallort:

http://paltimes.net/details/news/10990/%D8%B5%D9%88%D8%B1-%D8%B4%D8%A7%D8%AD%D9%86%D8%A9-%D8%B5%D9%87%D9%8A%D9%88%D9%86%D9%8A%D8%A9-%D8%AA%D8%B5%D8%AF%D9%85-%D8%A8%D8%A7%D8%B5-%D9%88%D8%AA%D9%82%D8%AA%D9%84-10-%D8%A3%D8%B7%D9%81%D8%A7%D9%84.html

Auftauchen von Zweifel über die Identität der Terroristen, welche den Angriff in Südisrael ausführten

 

Gazaner bezweifeln die Verantwortung der bekannten Widerstandsgruppen und deren militärischen Flügeln; Ägyptische Zeitungen identifizieren drei der Attentatplaner als Äqypter.

Von Amira Hass

Es ist eine Woche seit dem terroristischen Angriff nähe Eilat vergangen und es gibt kein Anzeichen der tradiotionellen Trauerzelte für die Verwandten der Militanten, welche durch die Israelische Verteidigungskräfte getötet wurde oder tatsächlich irgendein welche Berichte über Familien von Gazanern, welche als Ergebnis der Tätigkeiten der IDF an der ägyptischen Grenze letzten Donnerstag trauerten. Weder gab es Berichte über Familien, welche nach der Rückkehr der Leichen ihrer Geliebten verlangen, um diese zu beerdigen. Ein sozialer Aktivist, welcher schon lange tätig ist, sagte Haaretz, dass sogar bei Fällen, wo Familien aufgefordert werden ihre Trauer zu verbergen, solche Nachrichten im Gazastreifen dennoch schwierig zu verbergen sind.

Die Abwesenheit der Trauerzelte verstärkt das allgemeine Gefühl im Gazastreifen, dass die Ausführer der Attacke, im Gegensatz zur Behauptung der israelischen Verteidigung, nicht aus dem Gazastreifen waren. Die Gazaner beweifeln ebenfalls, dass Mitglieder des berühmten Widerstandskomitees und deren militärischer Flügel (der Nasser Salah al-Din Brigaden) hinter diesem Angriff steckten. Unterstützung für diese Ansicht ist in einem Bericht vom Montag durch die ägyptische Tageszeitung Al-Masry Al-Youm zu finden, wonach ägyptische Sicherheitskräfte drei der Planer als Ägypter identifizierten. Ein Sprecher des PRC antwortete auf den Bericht, indem er sagte, dass die Organisation die Attacke “rühmte“, jedoch diese nicht geplant hat.

Innerhalb einiger Stunden nach dem Angriff um 17 Uhr am Donnerstag, töteten zwei IDF Raketen den Führer Kamal al-Nirab und drei weitere Mitglieder seines militärischen Flügels, welche sich in einem Haus der Männer  im Flüchtlingslager von  Rafah befanden.Der zweijährige Sohn des Hausbesitzern starb ebenfalls bei diesem Raketenangriff.

Zehntausende Menschen nahmen am Freitag an der Beerdigung der fünf Opfer teil. Ein Verwandter Nirabs erzählte Haaretz, dass es ein Gefühl nach Vergeltung bei den Menschen in Rafah gibt.

Nirab war in dieser Region weniger wegen seinen militärischen Fähigkeiten, sondern vielmehr aufgrund seiner Rolle, welcher er in den letzten wenigen Jahren als Vermittler und Problemlöser innerhalb von Familien und auch zwischen Fatah und Hamas erlangt hatte, bekannt geworden.[…]

http://www.haaretz.com/print-edition/news/doubts-emerge-over-identity-of-terrorists-who-carried-out-attack-in-israel-s-south-1.380525

Der 2-jährige Islam Q. – Das jüngste Opfer des israelischen Angriffs der letzten Tage

Gaza.

Seit einer Woche greift Israel den Gazastreifen an, was zu mind. 20 Toten bisher geführt hat. Israel behauptet damit auf die Angriffe in Elat zu reagiere, wobei bisher noch nicht bewiesen ist, wer diese Anschläge ausgeführt hat und wer die Opfer sind. Aus Gaza hat sich unüblicherweise niemand zu dem Anschlag bekannt.

Das jüngste Opfer dieses brutalen Angriffs ist das 2-jährige Kleinkind Islam Q. aus Gaza, dessen Körper bis auf seine Innereien zerfetzt wurde.

Andere Bilder von ihm habe ich mir aufgrund ihrer Heftigkeit erspart, hier zu posten.

Der kleine Islam vorher:

Der kleine Islam nach dem israelischen Raketenangriff auf sein Haus:

vorher und nachher:

Die Belagerung des Gazastreifens ist zur moralischen Blockade Israels geworden

von Yitzhak Laor

05.07.2011 — Ha’aretz

— abgelegt unter:

Israel ist tatsächlich mit den Machtzentren der Welt verbunden. Heute scheint es übertrieben einen Tsunami vorauszusagen, aber vor der Siegesfeier sollte man sich daran erinnern: die israelische Besatzung ist die längste militärische Besatzung der modernen Zeit. Jene, die den beiden Formen der Besatzung – in der Westbank und im Gazastreifen – unterworfen sind, sind einem brutalen Regime ausgeliefert, wie es sich nur wenige Besatzer erlaubten, ohne Gesetz: einer Blockade, einer hohen Kindersterblichkeit, Straßensperren und der Willkür von Soldaten, die gewaltsam in die Wohnungen der Menschen einbrechen. Man stelle sich nur vor: die eigenen Kinder würden nachts durch schreiende, bewaffnete Männer aufgeweckt, die Türen aufbrechen, sie mit Taschenlampen blenden; man stelle sich vor, ohne jeglichen Schutz zu leben. Die anhaltende Besatzung ist eine Katastrophe für uns und für die Palästinenser – weil Israel die Unterstützung des Westens genießt.

Die Siedlungen haben die Besatzung in etwas Unlösbares verwandelt – zumindest für die nächsten Dekaden. Die Besatzung wird nicht nur eine weitere Generation israelischer Soldaten heranziehen, die von Rabbinern des Pöbels angestachelt werden, sondern auch noch eine dritte und vierte Generation Palästinenser, die kein anderes Leben kennen lernen.

Die Tatsache, dass der Gazastreifen zum internationalen Symbol von Grausamkeit wurde, ist ein weiterer Beweis für die Dummheit unserer Führer. Die Operation „Gegossenes Blei“ und die Belagerung Gazas – sie werden von einem breiten nationalen Konsens getragen – haben Gaza zu einem Symbol gemacht, das eine Koordination seitens der Palästinenser nicht länger benötigt. Die israelische Demokratie zeigt ihr wahres Gesicht: im Namen der Mehrheit (sechs Millionen Juden) kann man mit der Minderheit (fünf Millionen in Israel und den besetzten Gebieten) umgehen, wie es einem gefällt.

Die nationale Minderheit in Israel hat zwar das Recht zu wählen, aber sie hat kein eigenes Fernsehen; sie hat Krankenversicherung, aber auch große Arbeitslosigkeit und eine Kindersterblichkeit, die viel höher ist als unter den Juden (8,3 verglichen mit 3,7 bei 1000 Geburten). Tel Aviv, das sich der Welt als liberale Stadt anbietet, ist die einzige Hauptstadt im Westen, die keine muslimische Bevölkerung hat. Sie ist „cool“ doch dieses „cool“ sein ist rassistisch – die 20% Minderheit erscheint überhaupt nicht im Leben der Stadt. Und es für Propagandisten ratsam nicht auf Jaffa als einen Beweis der Vielfalt hinzuweisen. Jaffa mit seiner Yuppie-Einwanderung ist ein perfektes Beispiel der Apartheid, die vom „säkularen“ und „liberalen“ Tel Aviv durchgeführt wird.

Auch die offizielle Propaganda wird nicht helfen. Je stärker Israel auf die Schaltstellen der Macht – Politik und Mediengiganten – in westlichen Ländern Druck ausübt, desto höher steigt die Welle dagegen an, denn der Hass auf die Besatzung und auf den israelischen Rassismus nährt sich aus dem Wissen, dass das was Israel tut, vom Westen finanziert und vom Westen und den Verbindungen zu den Machtzentren unterstützt wird – als ein lebendiges Monument des Kolonialismus. Nichts konnte dies besser begünstigen als die Art und Weise mit der Griechenland die Abfahrt der Gaza-Hilfsflotte verhinderte. Und es war nicht nur Griechenland.

Auch Linke gehören zu den Koalitionen, die gegen Israel im Westen organisiert werden. Aber es gibt auch viele andere, und nicht alle sind humanistisch gesinnt. Nicht alle von ihnen lieben Juden. Diese Koalitionen werden weiter wachsen, solange sich die westliche politische Klasse als „hilflos“ darstellt angesichts Israels Unbeugsamkeit. Natürlich ist sie nicht hilflos und wenn sie ihre tatsächlichen Interessen verfolgt, dann benimmt sie sich auch in der typischen barbarischen westlichen Weise, wie jetzt in Libyen und im Irak.

Der Hass auf Israel passt zum wachsenden Zorn gegen das Establishment in einem politischen Kontext, in dem sich Parteien kaum voneinander unterscheiden. Die Proteste in Griechenland sind ein Beispiel für dieses fehlende Vertrauen. Der Grund dafür ist nicht die israelischen Besatzung, sondern die Machtlosigkeit der Massen, die Wirtschafts- und Kriegpolitik in ihren Ländern zu beeinflussen.

Nicht nur Israel ist im Fokus politischer oder unpolitischer Kritik. Nur sehr wenige Menschen fahren auf der Flottille mit, aber viele waren an ihrer Vorbereitung beteiligt und noch mehr verinnerlichen ihre Verhinderung. Kritik und Raunen ist Teil eines wachsenden Anti-Establishment-Konsens. Die lange Liste von Heucheleien der Politiker wurde ergänzt durch ihre heuchlerische Haltung gegenüber Israels Grausamkeit.

Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Belagerung des Gazastreifens verschärft wird und zwar in Form einer moralischen Blockade Israels. In einer Welt voller Ungerechtigkeit, Kriegsverbrechen und Rassismus gegenüber Minderheiten und Migranten, hat Israel in den Jahrzehnten seiner Dummheit langsam aber sicher gelernt zum Symbol von Ungerechtigkeit und Verbrechen zu werden. Wir sind nicht mehr die Verkörperung von Fortschritt, wie wir uns lange Zeit brüsteten, sondern das genaue Gegenteil. Und dies ist wahrlich nur der Anfang.

Yitzhak Laor Yitzhak Laor ist ein hebräischsprachiger Schriftsteller. Der teils als Hochschullehrer und Journalist tätige Autor ist mit Dichtung, Theaterstücken, Essays, Romanen und Erzählbänden sowie als Literaturkritiker hervorgetreten. Der Pazifist gilt in Israel als „Enfant terrible“ der Literaturszene, da als scharfer Kritiker der israelischen Regierungspolitik im Palästinakonflikt bekannt.
Übersetzt von: Ellen Rohlfs u. Doris Pumphry

13-jähriger Ibrahim aus Gaza: ,,Werde ich sterben?“

Gaza.

Der 13-jährige Ibrahim D. ist eines der Opfer des israelischen Angriffs auf den Gazastreifen vor wenigen Tagen.

Vom Fußballspielen ging es zur Intensivstation im Krankenhaus, nachdem eine israelische Rakete ihn und seine Freunde traf, deren Körper durch die Rakete zerfetzt wurden.

Ibrahim D. verlor – wie man im Bild sehen kann – beide Hände; sein Gesicht ist verbrannt; sein Körper voller Splitter.

Voller Emotionen fragt er einen Reporter, welcher ihn interviewt: ,,Werde ich sterben? Antworte mir auf meine Frage…Wie werde ich ohne Hände leben? Mein Kopf, meine Haut und meine Knochen sind durchbohrt von über 50 Raketensplittern […]“

Woraufhin der Reporter in seinen Augen blickt, welche voller Trauer und Unschuld gefüllt sind. Ihm fehlen die Worte, um ihm zu antworten.

Zusammenfassung von:

http://paltimes.net/details/news/2427/%D8%A5%D8%A8%D8%B1%D8%A7%D9%87%D9%8A%D9%85–%D9%84%D8%A7-%D8%A3%D8%B1%D9%8A%D8%AF-%D8%A3%D9%86-%D8%A3%D9%85%D9%88%D8%AA.html

Palästinenserproteste: Ein Einzelschicksal an der Frontlinie

Munib Masri (22) wurde an der israelisch-libanesischen Grenze angeschossen

von Robert Fisk

29.05.2011 — The Independent / ZCommunications

Gestern Morgen besuchte ich Munib Masri an seinem Krankenbett in einem Beiruter Hospital.

Munib ist Teil der arabischen Revolution, auch wenn er das nicht von sich behaupten würde. Er wirkte wie jemand, der unter Schmerzen leidet, und er hatte tatsächlich Schmerzen. Eine Infusion hing an seinem rechten Arm. Er hatte Fieber. Munib war durch eine israelische Kugel (5.56mm) verwundet worden. Ja, es war eine israelische Kugel, denn Munib war Teil der unbewaffneten Menschenmenge gewesen – Palästinenser und Libanesen – die sich vor zwei Wochen an der Grenze zu jenem Land postiert hatte, das sie als „Palästina“ bezeichnen. Zu Tausenden sahen sie sich einer scharf schießenden Israelischen Armee gegenüber.

„Ich war wütend, irrsinnig wütend – gerade hatte ich gesehen, wie die Israelis ein kleines Kind trafen“, sagte Munib zu mir. „Ich ging näher an den Grenzzaun heran. Die Israelis haben so viele Menschen angeschossen. Als ich getroffen wurde, war ich gelähmt. Meine Beine trugen mich nicht mehr. Dann begriff ich, was passiert war. Meine Freunde trugen mich weg.“ Ich fragte Munib, ob er glaube, dass er Teil des Arabischen Frühlings sei. Er verneinte. Er habe nur gegen den Verlust des Landes (Palästina) protestieren wollen, sagte er. „Was in Ägypten und Tunesien passiert ist, fand ich gut. Ich bin froh, dass ich an die libanesische Grenze gegangen bin, andererseits bedaure ich es aber“.

Kein Wunder. Mehr als 100 unbewaffnete Demonstranten wurden bei dieser palästinensisch-libanesischen Demonstration verletzt. Die Demo fand zum Gedenken an die Vertreibung und den Exodus von 750 000 Palästinensern im Jahre 1948 statt (Nakba (Katastrophe) am 15. Mai – Anmerkung d. Übersetzerin). Sie haben ihre Heimat verloren, die auf dem Mandatsgebiet des damaligen Palästina lag. 6 Palästinenser wurden bei dieser Demo getötet. Zu den jüngsten Opfern, die durch Kugeln starben, zählen auch zwei kleine Mädchen, 6 und 8 Jahre alt. Sie waren wohl Ziele in Israels „Krieg gegen den Terror“. Dies gilt wahrscheinlich auch für die Kugel, die den 22jährigen Geologiestudenten Munib traf. (Er studiert an der American University in Beirut.) Die Kugel hat furchtbare Schäden verursacht. Sie drang in seine Seite ein, durschlug eine Niere, traf die Milz und zerschellte in seinem Rückgrat. Ich hielt die Kugel gestern in der Hand. Sie war in drei braun funkelnde Metallteile zersplittert – in Munibs Körper zersplittert. Natürlich kann er froh sein, dass er überhaupt noch lebt.

Ich nehme an, dass es für ihn von Vorteil ist, dass er die amerikanische Staatsbürgerschaft besitzt – wenngleich ihm das wenig genützt hat. Gestern habe die US-Botschaft eine Diplomatin zu seinen Eltern ins Krankenhaus geschickt, berichtete mir seine Mutter. „Ich bin am Boden zerstört, traurig, wütend – ich wünsche keiner israelischen Mutter, dass ihr so etwas passiert. Die amerikanischen Diplomaten kamen hierher ins Krankenhaus, und ich erklärte ihnen Munibs Situation. Ich sagte: „Ich möchte Ihnen gerne eine Botschaft an Ihre Regierung mitgeben – um sie unter Druck zu setzen, damit sie ihre hiesige Politik ändert. Wenn dies einer israelischen Mutter widerfahren wäre, stünde die Welt jetzt kopf.“ Sie (die amerikanische Diplomatin) sagte zu mir: „Ich bin nicht hier, um über Politik zu diskutieren. Wir sind hier, um soziale Unterstützung zu gewähren und um Sie, falls Sie dies wünschen, zu evakuieren und Ihnen bei Zahlungen zu helfen“. Ich sagte, ich bräuchte nichts von alledem – aber ich müsse ihr die Situation erklären“.

Es steht US-Diplomaten frei, die Meinung von Bürgern an die amerikanische Regierung weiterzuleiten. Doch die Reaktion dieser Diplomatin ist nur allzu typisch. Munib ist zwar Amerikaner, aber die Kugel, die ihn getroffen hat, stammt von der falschen Seite. Es ist keine syrische oder ägyptische sondern eine israelische Kugel. Über soetwas wird nicht gerne diskutiert, und sicherlich lässt sich eine amerikanische Diplomatin von einer solchen Kugel nicht zu Gegenmaßnahmen überreden. Schließlich reagierte der US-Kongress auf Benjamin Netanjahu mit 55 Ovationen. Das ist mehr als bei einem Kongress der Baath-Partei in Damaskus durchschnittlich geklatscht wird. Warum sollte Munibs Regierung sich um ihn scheren?

Tatsächlich war Munib schon oft in Palästina. Munibs Familie stammt aus Beit Jala beziehungsweise Bethlehem. Er kennt die Westbank gut. Allerdings sagte er mir, er befürchte, verhaftet zu werden, wenn er das nächste Mal dorthin reisen werde. Es ist nicht leicht, Palästinenser zu sein – ganz gleich auf welcher Seite einer Grenze. Mouna Masri wurde wütend, nachdem ihre Schwester ihren Mann gebeten hatte, für sie die Aufenthaltserlaubnis für Ost-Jerusalem zu erneuern: „Die Israelis beharrten darauf, dass sie von London persönlich herkommt, dabei wussten die doch, dass sie (die Schwester) Chemotherapie bekommt“.

„Zwei Tage, bevor Munib verletzt wurde, war ich in Palästina. Ich habe meinen Schwiegervater in Nablus besucht. Ich sah meine ganze Familie und war glücklich, aber weil ich Munib so sehr vermisst habe, kehrte ich wieder nach Beirut zurück. Er war sehr aufgeregt wegen des bevorstehenden Marsches zur Grenze. Die Studierenden und Leute von der Universitätsfakultät wurden in drei oder vier Bussen hingefahren. Er stand am Sonntagmorgen um 6 Uhr 55 auf. Gegen 16 Uhr rief mich Munibs Tante Mai an und fragte, ob es  irgendwelche Neuigkeiten gäbe. Da beschlich mich ein ungutes Gefühl. Danach rief mich mein Mann an und sagte, Munib sei am Bein verletzt.“

In Wirklichkeit war es weit schlimmer. Munib hatte soviel Blut verloren, dass die Ärzte am Bent-Jbeil-Krankenhaus glaubten, er würde sterben. UNO-Peacekeeper flogen ihn mit dem Hubschrauber nach Beirut. Die UNO-Peacekeeper waren dem Maroun-al-Ras-Abschnitt der Grenze (zwischen Israel und Libanon) während der fünfstündigen Demonstration ferngeblieben – mit verheerenden Folgen.
Viele von denen, die mit Munib an die Grenze gekommen waren, leben in Flüchtlingslagern. Im Gegensatz zu Munib haben sie das Land noch nie besucht, aus dem ihre Eltern stammen. Einige haben es nie gesehen.

Munibs Tante Mai sagte, viele von denen, die mitmarschiert seien, die mit Bussen zur Grenze gekommen seien, hätten eine Brise gespürt, die über die israelische Grenze herübergeweht sei: „Sie sogen sie ein, es war wie eine Art Freiheit“, sagte sie. Da haben wir’s.

Munib glaubt vielleicht nicht, dass er Teil des ‚Arabischen Frühlings‘ ist, aber er ist Teil des ‚Arabischen Erwachens‘. Obgleich er noch ein Heim in der Westbank hat, beschloss er, sich an die Seite der Enteigneten zu stellen, deren Häuser im heutigen Israel liegen und mit ihnen zu marschieren. „Es war keine Angst zu spüren“, sagt sein Onkel Munzer. „Diese Menschen wollten Würde. Und mit der Würde kommt der Erfolg“. Das riefen auch jene Menschen in Tunesien – und die in Ägypten und die im Jemen und in Bahrain und in Syrien. Ich nehme an, dass Obama – trotz seines Kotaus vor Netanjahu – das verstanden hat. Er hat – auf seine eher feige Weise – versucht, die Israelis zu warnen. Das Arabische Erwachen schließt die Palästinenser mit ein.

Robert FiskRobert Fisk ist ein international anerkannter Journalist des „Independent“ in London. Seine Berichte über den Nahen Osten liefern den dringend notwendigen Kontrast zur offiziellen Doktrin und inspirieren Aktivisten auf der ganzen Welt. Er ist regelmäßiger Autor des ZNet, außerdem schreibt er noch für „The Nation“ und weitere Publikationen.

 

http://zmag.de/artikel/die-palaestinenserproteste-ein-einzelschicksal-an-der-frontlinie