Reporter in Gaza: Über die Gefahren und Schwierigkeiten der Berichterstattung aus Gaza

Zwei Reporter berichten

von Amy Goodman

08.04.2010 — Democracy Now!

— abgelegt unter:

Das Interview führten Amy Goodman und Juan Gonzalez

Wir sprechen nun mit zwei Journalisten, die ausführlich aus Gaza berichteten. Wir werden über die Gefahren und Schwierigkeiten reden, die eine Berichterstattung aus den Besetzten Gebieten mit sich bringt. Mohammed Omer, ein preisgekrönter palästinensischer Journalist, wurde von israelischen Sicherheitskräften verhört und geschlagen, als er nach Gaza zurückkehren wollte, nachdem er in London den renommierten Martha-Gellhorn-Preis für Journalismus entgegengen genommen hatte. Das war 2008.

Ayman Mohyeldin ist der (einzige) Gaza-Korrespondent für ‚Al Jazeera English‘. Er war einer der ganz, ganz wenigen internationalen Journalisten, die während des 22-tägigen israelischen Angriffs auf Gaza, 2009, aus dem Gazastreifen berichteten

Unsere Gäste sind:

Mohammed Omer: preisgekrönter palästinensischer Journalist aus Rafah, im südlichen Gazastreifen

Ayman Mohyeldin: Gaza-Korrespondent der englischsprachigen Abteilung des Senders Al- Dschasierah

Juan Gonzalez:

Wir beenden das Programm heute mit einem Gespräch über die Gefahren und Schwierigkeiten, denen sich Journalisten im besetzten Gazastreifen ausgesetzt sehen. In Gaza leben 1,4 Millionen Palästinenser. Praktisch jeden Tag drohen ihnen israelische Angriffe. Bislang haben sie eine vierjährige strikte Blockade überstanden. Diese Blockade umfasst nahezu alle Export- und Importgüter. Sämtliche Übergänge nach Gaza sind abgeriegelt. Lediglich eine kleine Menge Lebensmittel und medizinischer Hilfe darf passieren.

In dieser Woche ließen die israelischen Behörden zum ersten Mal seit 2007 eine Ladung mit Kleidung und Schuhen passieren. Palästinensische Geschäftsleute behaupten jedoch, die meisten der Waren seien – nach drei Jahren Lagerzeit – kaputt und nicht mehr zu gebrauchen.

Während die Palästinenser immer noch versuchen, die Verantwortlichen für die Zerstörung und die Toten durch die 22-tägigen israelischen Angriffe im Winter 2009 zur Rechenschaft zu ziehen, hören die israelischen Luftangriffe nicht auf, sondern gehen bis heute weiter.

Am vergangenen Wochenende wurden drei palästinensische Kinder bei diesen Luftschlägen verletzt. Eine Milchfabrik wurde zerstört.

Amy Goodman:

Wir sind nun mit zwei Journalisten verbunden, die sehr ausgiebig aus Gaza berichtet haben. Mohammed Omer ist ein preisgekrönter Journalist aus Rafah, im Süden des Gazastreifens. Nachdem er 2008 in London den Martha-Gellhorn-Preis für Journalismus bekam, wurde er bei seiner Rückkehr von bewaffneten israelischen Sicherheitsleuten verhört und verprügelt. Seither lebt er in den Niederlanden und befindet sich noch immer in medizinischer Behandlung. Zur Zeit ist Omer auf einer Vortragsreise in den USA. Er ist uns jetzt aus Houston/Texas zugeschaltet. Hier, in New York, ist Ayman Mohyeldin bei uns. Er war einer der ganz wenigen internationalen Journalisten, die während  der ‚Operation Gegossenes Blei‘ im vergangenen Jahr aus Gaza berichteten.

Willkommen bei Democracy Now! Mohammed Omer – gehen wir zuerst zu Ihnen, nach Houston. Ich freue mich, dass es Ihnen gelungen ist, nach Amerika einzureisen. Ich weiß, Sie hatten zunächst einige Schwierigkeiten. Beschreiben Sie uns, was Ihnen damals widerfuhr, nachdem Sie den Martha-Gellhorn-Preis bekommen hatten.

Mohammed Omer: Nun, ich kam aus London zurück, wo ich den Martha-Gellhorn-Preis für Journalismus erhalten hatte. Die israelischen Sicherheitsleute packten mich und zwangen mich mit vorgehaltenem Gewehr, mich auszuziehen. Die Männer, die mich angriffen, suchten nach Preisgeld – aus dem Martha-Gellhorn-Preis. Außerdem wollten sie mich demütigen, indem sie mir  verschiedene Arten von Fragen stellten.

Zuvor hatten sie mich buchstäblich verprügelt – Brust, Nacken, Rippen. Sie brachten mich auch in einen kleinen geschlossenen Raum. Einer der Offiziellen – sie nannten ihn Avi, er war ein großer, Glatzkopf -, versuchte, meine Knochen festzuhalten, er packte meine Knochen…. er fuhr mir mit den Fingernägeln unter die Augen, versuchte, mich zu stechen. Er trat mich auch in verschiedene Körperteile. Das war, weil ich das Geld, das ich durch den Martha-Gellhorn-Preis bekommen hatte, nicht vorweisen konnte. Dies geschah am 26. Juni 2008.

Nachdem sie mich mehrere Stunden attackiert, getreten und verprügelt hatten, wurde ich ohnmächtig. Dann brachte man mich in das Krankenhaus von Jericho und von dort in den Gazastreifen. Wir brauchten fast drei Monate, bis es möglich wurde, dass ich in die Niederlande ausreisen konnte, um mich medizinisch behandeln zu lassen.

Sie sind bis heute dort. Sie haben…

Nun, ich bin immer noch…

… fahren Sie fort…

Ich bin immer noch in medizinischer Behandlung – in den Niederlanden. In den letzten Monaten wurde ich in drei verschiedenen holländischen Kliniken untersucht. Es stellte sich die Frage, ob eventuell mehrere Rippen entfernt werden müssten. Ich bin froh, dass ich das wohl nicht machen lassen muss. Dennoch habe ich – unterhalb der Rippen – eine Schädigung. Ich kann Ihnen hier, auf der Stelle, berichten, dass die holländischen Ärzte von ausgeklügelter Folter sprachen: Die Folterer schafften es, ein Minimum an (äußerlich) sichtbaren Folterspuren zu hinterlassen, aber maximale innere Verletzungen zu erzeugen, die mich womöglich für den Rest meines Lebens begleiten werden.

Mohammed Omer. Sie haben (als Journalist) viele Fotos gemacht, darunter auch sehr drastische: Fotos von Rachel Corrie, die uns bislang unbekannt waren (und ich warne unsere Zuschauer vor dem Anblick). Rachel Corrie war eine junge Frau aus Olympia in Washington, die am 16. März 2003 von einem israelischen Militärbulldozer im Gazastreifen getötet wurde. Waren Sie an jenem Tag vor Ort?

Ich war dort. Ich erinnere mich sehr gut an den Tag. Als ich verschiedene Nachrichtenagenturen anrief und die Nachricht weitergab, dass eine Bürgerin der USA namens Rachel Corrie getötet wurde, brauchte ich 9 oder 10 Stunden, bis die Nachrichtenagenturen mir glaubten, dass tatsächlich eine Amerikanerin getötet worden war. Eine Agentur in Ramallah sagte – ich erinnere mich noch genau: „Kommen Sie schon, es kann nicht sein, dass Israel so blöd ist, eine Bürgerin der USA anzugreifen. Das ist unmöglich.“ Ich war vor Ort und habe Fotos gemacht. Ich war sehr nahe am Ort des Geschehens, als sie getötet wurde und ging auch sofort ins Abu-Yousef-al-Najjar-Krankenhaus, wohin ihre Leiche umgehend gebracht wurde.

Das Erstaunliche an jenem Tag war das Verhalten der Kinder von Gaza. Sie gingen auf die Straße und deckten Rachel Corrie mit einer amerikanischen Flagge zu – in Gaza. Sie demonstrierten auf den Straßen, damit die Welt ihren Tod untersuchen und die Kriegsverbrecher vor Gericht stellen sollte, denn die Kinder von Gaza sahen in Rachel Corrie eine Freundin. Sie gingen auf die Straße und forderten eine sofortige Untersuchung und einen Prozess gegen die Täter, die Rachel Corrie getötet hatten.

Juan Gonzalez: Ich möchte nun gerne Ayman Mohyeldin eine Frage stellen. Sie sind Journalist in Gaza, aber kein Palästinenser. Können Sie uns etwas über die Schwierigkeiten sagen, die es mit sich bringt, dem Rest der Welt Nachrichten aus Gaza zu übermitteln?

Ayman Mohyeldin: Absolut. Wie Mohammed schon gesagt hat und wie Sie vorhin schon erwähnten, gibt es nur zwei Möglichkeiten, nach Gaza zu kommen: über Ägypten oder über Israel. Die ägyptische Grenze ist – inoffiziell – geschlossen. Journalisten wird es verwehrt, aus Ägypten nach Gaza einzureisen. Folglich muss jeder Journalist, der hinein will, die Zustimmung des israelischen Militärs einholen.

Das ist ein sehr komplizierter Prozess. Es (das israelische Militär) führt Ermittlungen zu deinem Hintergrund durch sowie Sicherheitschecks. Schließlich erhältst du eine Pressekarte. Außerdem musst du unterschreiben, dass du mit den Zensurbestimmungen der israelischen Regierung einverstanden bist. Erst wenn du das hinter dir hast, bekommst du einen Presseausweis, der es dir möglich macht, in den Gazastreifen einzureisen. So kommt man nach Gaza.

Wenn du erst einmal in Gaza bist, musst du dich wirklich mit denselben logistischen Problemen herumschlagen, wie die normalen Leute dort. Du leidest ebenso darunter. Es fällt dir schwer, an die nötige Energieversorgung für deine Ausrüstung zu kommen. Hinzu kommt, dass der Strom sehr oft ausfällt. Es ist also sehr schwierig, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, systematisch zu arbeiten. Hinzu kommt natürlich die tägliche Bedrohung durch israelische Luftangriffe – möglicherweise auch Einmärsche. Wissen Sie, das Leben aller Menschen ist dadurch in Gefahr.

Amy Goodman: Al-Dschasierah hatte während des israelischen Angriffes (2009) auf Gaza eine sehr große Verantwortung: Ihr wart die einzige internationale Agentur in Gaza. Das israelische Militär ließ keine internationalen Journalisten nach Gaza.

Ayman Mohyeldin: Absolut. In diesem speziellen Fall…. Seit es Al-Dschasierah International gibt, fühlen wir uns verpflichtet, über die Geschehnisse in Gaza zu berichten und über die belagerten Menschen dort. Wir glauben, dass es sich um eine wichtige Story – wenn nicht um eine der wichtigsten Storys in der Region und in der Welt überhaupt – handelt, mit größeren Auswirkungen auf die Region. Also entschied man sich (bei Al-Dschasierah) für eine permanente Präsenz, für einen Vollzeit-Korrespondenten in Gaza. Aus diesem Grund war ich schon vor den Ereignissen vor Ort. Seit Mai 2008 bin ich der einzige ständige Auslandskorrespondent in Gaza. So war ich also schon dort, bevor der Krieg losging.

Am 27. Dezember 2009, als die Israelis ihre Militärkampagne starteten, entschlossen sich sämtliche ausländischen Medien, die westlichen Medien, nach Gaza zu kommen. Doch offensichtlich ließ das israelische Militär sie nicht hinein. Schließlich ging hier ein Krieg vor sich. Es ist leicht, sich zurückzulehnen und zu sagen, Israel hat uns nicht hineingelassen. Aber auch die westlichen Journalisten, die die Gaza-Story vernachlässigt haben, die Story über die Belagerung Gazas – bevor es plötzlich zu einer lohnenden, Bildschirm füllenden Titelstory wurde -, trifft eine Menge Schuld.

Juan Gonzalez: Schränken die Hamas-Behörden in Gaza Sie bei Ihrer Berichterstattung ein?

Ayman Mohyeldin: Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass keiner von der Hamas mir je gesagt hat, ich könne eine Story nicht bringen, ich solle eine Story nicht bringen. Zweifellos haben – sagen wir mal arabische – Journalisten Schwierigkeiten, denn ihr Publikum ist ja vor allem arabisch. Daher wird auf sie mehr Druck ausgeübt. Menschenrechtsorganisationen haben einige Fälle dokumentiert. Ich persönlich habe nichts Derartiges erlebt. Aber es gibt wachsende Kritik, die Hamas wende diese Taktik an, um die Meinungsfreiheit unter den Journalisten im Gazastreifen einzuschränken.

Amy Goodman: Mohammed Omer, bevor wir zum Schluss kommen (wir setzen das Gespräch im Anschluss an diese Sendung fort und stellen Teil II online): Wir möchten gerne ihre abschließenden Gedanken erfahren, da Sie die USA ja zum ersten Mal betreten, seit sie damals, vor einigen Jahren, zusammengeschlagen wurden.

Mohammed Omer: Nun, das hier ist meine erste Vortragsreise durch die Vereinigten Staaten. In ein paar Stunden werde ich nach New Mexico fliegen, wo ich einige Vorträge halten werde. Die Erfahrungen eines palästinensischen Journalisten im Gazastreifen sind ganz anders und sehr kompliziert. So brauchte ich sechs Monate, um meinen palästinensischen Ausweis erneuern zu lassen. Ich ging zu der Hamas-Regierung in Gaza und sagte: „Ich will meinen Pass erneuern lassen“, und sie sagten mir, sie hätten keine Tinte für Pässe im Gazastreifen. Es gibt Zeiten, da haben sie kein Papier für neue Pässe. Ich sprach mit der Regierung in Ramallah. Das war sehr schwierig. Mir scheint, dass es für palästinensische Journalisten zweifellos sehr schwierig ist, über die Situation im Gazastreifen zu berichten und über all die Schwierigkeiten zu sprechen und darüber zu berichten. Es ist sehr kompliziert, weil jede Seite dich auf ihre Seite ziehen will – das macht es so schwierig. Aber ich hatte nie Schwierigkeiten mit der Hamas-Regierung.

Amy Goodman: Mohammed Omer, wir müssen hier Schluss machen (…) Mohammed Omer und Ayman Mohyeldin, vielen Dank, dass Sie bei uns waren.

Übersetzt von: Andrea Noll
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