Israels Massenvernichtungswaffen

von Neil Sammonds

11.10.2002 — ZNet

Der zehnte Jahrestag des Absturzes eines El-Al-Flugzeugs (Flugnummer LY 1862) in den Niederlanden – in den internationalen Medien findet er kaum Erwähnung Am 4. Oktober 1992 war eine Boeing-747-Linienmaschine der israelischen Fluggesellschaft El Al in die Hochhaussiedlung Bijlmermeer gestürzt, nahe Flughafen Schiphol, südöstlich von Amsterdam. Die Boeing war auf dem Flug zwischen New York u. Tel Aviv (siehe MEI* 585, 598). Mindestens 47 Menschen starben – über tausend Anwohner klagten in der Folge über Erkrankungen der Atemwege, über neurologische Erkrankungen bzw. Erkrankungen des Bewegungsapparats. Zudem war ein Anstieg der Krebsrate zu verzeichnen sowie eine Zunahme in der Rate kindlicher Missbildungen. Offizielle Stellen, sowohl in Holland als auch Israel, mauerten massivst. Eine (unabhängige) niederländische nukleare Forschungsgruppe konnte jedoch herausfinden, dass das Flugzeug angereichertes Uran als Ballast benutzt hatte. 1998 förderte die holländische Tageszeitung ‘Handelsblad’ bzgl. des Frachtraums der Boeing noch wesentlich Brisanteres zutage: im Cargo-Raum waren bei Flug LY 1862 nämlich 10 Tonnen Chemikalien transportiert worden, einschließlich Hydrofluoridsäure, Isopropanol u. Dimethyl-methylphosphonat (DMMP) – was 3 der 4 Ausgangsstoffe zur Produktion von Sarin (Nervengas) sind. Mit Verspätung wurde eine Untersuchungskommission des niederländischen Parlaments eingesetzt. Diese stellte fest, dass es wöchentliche nicht-offizielle Flüge zwischen New York u. Tel Aviv gegeben hatte – jedesmal mit Zwischenlandung in Schiphol, wo keine Ladungsinspektion vorgenommen wurde bzw. wo das El-Al-Sicherheitspersonal – laut Aussage des niederländischen Generalstaatsanwalts – auf der Lohnliste des Mossad (israelischer Geheimdienst) stand. Einer derjenigen, die Nachforschungen für die Bijlmermeer-Überlebenden betrieben, behauptet wörtlich, dass Schiphol damals eine “Drehscheibe für Geheimwaffen-Transfers” gewesen sei, u. daran habe sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

“Unsichtbare” Anlagen

Das DMMP (siehe oben) stammte von der amerikanischen Chemiefirma ‘Solkatronic Chemicals Inc.’, Morrisville/Pennsylvania u. war bestimmt für ein israelisches Forschungszentrum – das ‘Israelische Institut für biologische Forschung’ (IIBR) in Nes Ziona bei Tel Aviv. Wie MEI 1998 schrieb, ist das IIBR “für die israelischen Geheimdienste u. das israelische Militär sozusagen die Frontorganisation zur Entwicklung, Testung u. Produktion chemischer u. biologischer Waffen”. Und eine “hochrangige Quelle des israelischen Geheimdiensts” gegenüber der ‘Sunday Times’: “Es gibt wohl kaum eine bekannte oder unbekannte Art von chemischen oder biologischen Kampfstoffen, die nicht in Nes Ziona produziert würde”. Auf Karten darf das IIBR nicht eingezeichnet werden. Und selbst Mitgliedern der Knesset-Kommissionen zur ‘Außen- u. Verteidigungspolitik’ (sie hatten sich Sorgen um die Gesundheit der Anwohner von Nes Ziona gemacht) blieb der Zutritt zur Einrichtung verwehrt. Der Bericht des ‘US Office of Technology Assessment for Congress’ (US-Kongress-Behörde zur Technologie-Einschätzung) kommt im Jahr 1993 zu dem Schluss, Israel habe “ein nicht-offengelegtes, offensives, chemisches Kampfstoff-Potential”, zudem werde “allgemein angenommen, es verfüge daneben über ein nicht-offengelegtes, offensives Programm zur biologischen Kriegsführung”. Wie ‘The Sussex-Harvard Information Bank on Chemical and Biological Warfare Armament’ (Sussex-Harvard-Informationsbank für chemische u. biologische Kampfstoffe) berichtet, existieren darüber hinaus Vorwürfe, Israel habe in den 60gern u. frühen 80gern Giftgas eingesetzt bzw. im Jahr 1948 ägyptische Truppen mit chemischen Kampfstoffen angegriffen; chemische Kampfstoffe wurden angeblich auch gegen Palästinenser eingesetzt – 1969 bzw. später während der ersten Intifada. Und ‘The Sunday Times’ berichtete 1998 von einer angeblichen Umrüstung der israelischen F-16-Kampfjets, so dass diese jetzt auch chemische u. biologische Waffen aus Nes-Ziona-Produktion an Bord nehmen könnten. Zudem hätte man Besatzungen ausgebildet, chemische u. biologische Angriffswaffen binnen Minuten nach Befehlserhalt einsatzfähig zu machen. Was die ‘Sunday Times’ zudem behauptet: in Nes Ziona wurden Forschungen zur Herstellung der sogenannten “Ethno-Bombe” betrieben. Die Tatsache, dass das frühere Apartheids-Regime Südafrikas u. die israelische Regierung (sein damaliger Verbündeter) in einem derartigen Projekt kooperierten, gehört wohl zu den schockierendsten Enthüllungen der Anhörungen der sogenannten ‘Wahrheits- u. Versöhnungskommission’ Südafrikas. Dabei kam nämlich zutage, dass Wissenschaftler im Erbgut bestimmter arabischer Gemeinschaften, speziell im Irak, ein spezifisches Gen-Charakteristikum determiniert hatten – woraufhin sie versucht haben sollen, tödliche Mikro-Organismen künstlich zu erzeugen, die ausschließlich die Träger dieser besonderen Erbinformation angreifen. Diese Krankheiten hätten dann mittels Luftspray oder auch über die Wasserversorgung in Umlauf gebracht werden können.
Weit besser belegt als die biologischen u. chemischen Waffenprogramme Israels, ist sein Atomwaffenprogramm – letztendlich jedoch nicht weniger “unsichtbar” als die Nes-Ziona-Anlage. Fest steht, das israelische Atomzeitalter nahm seinen Ausgang in den 50gern – in der Atomanlage Dimona in der Negev-Wüste – u. dort wurde das Potential auch weiterentwickelt, zunächst mit französischer, später mit amerikanischer u. südafrikanischer Unterstützung. 1986 hatte der aus Marokko stammende israelische Wissenschaftler Mordechai Vanunu** die Öffentlichkeit bzgl. der Aktivitäten in Dimona alarmiert. Laut Vanunu hatte man (zu diesem Zeitpunkt) bereits “über 200″ Nuklearsprengköpfe hergestellt. Fünf Jahre später kommt ein Report des ‘US Strategic Air Command’ (Strategisches Luftwaffenoberkommando der USA: USSTRATCOM)zum Schluss, Israel besitze zwischen 75 u. 200 Atomwaffen. ‘Das Atomwissenschaftler-Bulletin’ (BAS) schätzt Israels Potential auf “über 185″ Atomwaffen, die ‘Föderation amerikanischer Wissenschaftler’ (FAS) auf “über 100, aber nicht wesentlich über 200″. Auch das ‘Internationale Friedensforschungsinstitut Stockholm’ schätzt die Zahl auf 200 ein. Im Jahr 2000 brach der israelische Parlamentsabgeordnete Issam Mahoul das Knesset-Tabu, demgemäß es verboten ist, Israels offizielles ‘Atomwaffengeheimnis’ zu thematisieren. Mahoul behauptete, Israel besitze zwischen 2 u. 300 atomare Sprengköpfe. ‘Jane’s Intelligence Review’ (britisches Info-Magazin) ging im Jahr 1997 von einer geschätzten Zahl von über 400 israelischen thermonuklearen Waffen respektive Nuklearwaffen aus. Und die ‘Kampagne zur Befreiung Vanunus’** schätzt die Zahl sogar auf 500 Nuklearsprengköpfe ein.

Tote Winkel

Es gibt Berichte, wonach Israel sowohl (im ‘Sechstagekrieg’) 1967 als auch (im Jom-Kippur-Krieg) 1973 eine gewisse Anzahl seiner Raketen mit Nuklearsprengköpfen bestückt hatte. Im August diesen Jahres sagte Anthony Cordesman vom ‘Zentrum für Internationale Strategische Studien’ vor dem ‘Komitee für Auslandsbeziehungen’ des US-Senats aus. Seiner Einschätzung nach könnte Israel vorhaben, Nuklearwaffen gegen große irakische Städte zum Einsatz zu bringen, sollte es sich durch einen drohenden Angriff des Irak in die Ecke gedrängt fühlen. Dabei würde es, so Cordesman, Städte auswählen, in die noch keine US-Truppen einmarschiert sind. Aber trotz der überwältigenden Beweislage bzgl. Israels Nuklearwaffen- programmen bzw. für Israels Bereitschaft, diese Waffen gegebenenfalls auch zum Einsatz zu bringen, weigern sich Washington u. London beharrlich, dies zur Kenntnis zu nehmen. So eine Sprecherin des britischen Außenministeriums gegenüber MEI: “Großbritannien wird weiter bemüht sein, Israel – als Nicht-Atomwaffen-Staat – zur Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags zu bewegen”. Und die gleichen Scheuklappen bzw. der gleiche tote Winkel sind auch in den USA zu beobachten, wo etwa der Pentagon-Bericht 2001 darauf verzichtet, Israel auf die Liste der Staaten mit Atomwaffenpotential zu setzen. Zu den Beweisen für Israels Nuklearwaffen, die vom britischen Außenministerium, dem Pentagon aber auch von andern Stellen hartnäckig ignoriert werden, zählt zudem gutunterlegte Information bzgl. entsprechender (Nuklearwaffen-)Trägersysteme. In der neuesten Ausgabe von ‘Nuclear Notebook’ beispielsweise ist nachzulesen, dass das israelische F-16-Kampfjet-Geschwader, stationiert in Nevatim bzw. Ramon, am wahrscheinlichsten (von allen israelischen Kampfflugzeugen) Nuklearsprengköpfe an Bord hat. Eine kleine Gruppe Piloten sei zudem ausgebildet, Nuklearangriffe zu fliegen. Nuklearwaffentauglich seien auch die israelischen F-4s, F-15s u. Jaguars. Hingewiesen wird zudem auf Israels Boden-Luft-Raketen – Jericho I, Jericho II u. Shavit – die man auch mit Nuklearsprengköpfen ausrüsten könne. Die Jericho-I-Rakete besitzt eine Reichweite von 500 km u. kann sowohl stationär als auch von mobilen Abschussrampen aus abgefeuert werden. Die Jericho IIs haben eine Reichweite von 1500 km u. sind, laut BAS, in der Militärbasis Zechariya, 45 km südöstlich von Tel Aviv, aufgestellt. Die Shavit-Interkontinentalraketen, normalerweise dazu genutzt, den israelischen Spionage-Satelliten Ofek ins Weltall zu schießen (von der Luftwaffenbasis Palmahim südlich von Tel Aviv aus), wären in der Lage, eine atomare Nutzlast bis zu 8000 km weit zu befördern. Zwischen Juli 1999 u. Oktober 2000 orderte die Israelische Marine Berichten zufolge 3 Unterseeboote der sogenannten ‘Delphin-Klasse’ – Dolphin, Leviathan u. Tekuma. Auch diese wurden, so Vermutungen, für mit Nuklearsprengköpfen besetzte Cruise-Missiles umgerüstet. Darüber hinaus existiert umfangreiches Material, das darauf hinweist, Israel könnte zudem im Besitz taktischer Nuklearwaffen sein – kleiner Atombomben also, wie etwa nukleare Landminen, bzw. strategischer Atom- sprengköpfe, die man bei Bedarf auch aus Kanonen abfeuern kann.


Natürlich gab es 1961 diese ‘Persilschein’-Inspektion im israelischen Dimona, durchgeführt von einem wohlgesonnenen norwegischen Team, das “bestätigte”, das nach Israel importierte ‘schwere Wasser’*** werde dort nicht missbräuchlich verwendet. Und 1969 führte ein amerikanisches Inspektoren-Team dieselbe Farce durch – man hatte es einfach durch einen ‘gefakten’ Kontrollraum (in Dimona) geführt. Davon abgesehen hat nie ein Versuch zur Kontrolle der nichtkonventionellen israelischen Waffenprogramme stattgefunden – jedenfalls kein bekanntgewordener. Israel hat zudem nie die ‘UN-Konvention gegen biologische u. toxische Waffen’ unterzeichnet. Die ‘Chemiewaffen-Konvention’ der UN hatte es 1993 zwar unterschrieben aber nie ratifiziert. Die UN-Sicherheisratsresolution 487 vom Juni 1981 “fordert Israel dringlichst dazu auf, seine Nuklearanlagen unter Aufsicht der ‘Internationalen Atomenergie- behörde’ zu stellen”, u. Resolution 687 vom April 1991 weist auf “die Bedrohung, die sämtliche Massenvernichtungswaffen für Frieden und Sicherheit in der Region darstellen” hin sowie auf “die Notwendigkeit der Hinarbeitung auf eine atomwaffenfreie Zone im Mittleren/Nahen Osten”. Und gleichzeitig steht Washington einer internationalen Kampagne zur Inspektion bzw. Demontage der vergleichsweise bescheidenen (so überhaupt vorhandenen) Massenvernichtungswaffenprogramme des Irak vor. Das zweite Ziel der Kampagne wird vermutlich sein, die Bagdader ‘Herren über diese Programme’ zu stürzen. Mordechai Vanunu wird vermutlich im Jahr 2004 aus der Haft entlassen. Aber völlig offen bleibt, wann es endlich zur internationalen Kontrolle von Dimona u. Nes Ziona kommt bzw. zur Untersuchung jener inoffiziellen wöchentlichen El-Al-Flüge zwischen New York u. Tel Aviv.

Anmerkung d. Übersetzerin

* MEI: ’Middle East International’; in London ansässige Informationsschrift. http://meionline.com/
**Vanunu wurde 1986 für seine Enthüllungen zu 18 Jahren Haft wegen Spionage verurteilt. Teilweise muss er seine Haftstrafe in Isolationshaft verbüßen.
***siehe ‘Schwerwasserreaktoren’ (im Gegensatz zu ‘Leichtwasserreaktoren’); aus sogenanntem ‘schwerem Wasser’ kann das atomwaffenfähige Tritium gewonnen werden.

Orginalartikel: Israeli WMD
Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: