Schießen und Weinen: Nichts Neues seit 1948 … Oder doch?

  Samstag, 04. April 2009 um 20:59 Uhr
Zuletzt aktualisiert am Samstag, 04. April 2009 um 22:36 Uhr
Geschrieben von: Anis Hamadeh

Mit Erstaunen hat die Weltöffentlichkeit in den letzten Wochen zur Kenntnis genommen, dass anscheinend Kriegsverbrechen in Gaza geschehen sind. (1) Selbst beteiligte israelische Soldaten und Militärs berichten jetzt von ihren eigenen Grausamkeiten gegen die palästinensische Bevölkerung, wie man sie nicht einmal aus Filmen kennt. (2) Auch die modischen T-Shirts, auf denen für das Schießen auf schwangere Palästinenserinnen geworben wird, da man so mit einer Kugel gleich zwei Menschen töten könne, stoßen im Ausland auf Befremden. (3) Zusätzlich entsetzt die Wahl Avigdor Liebermans zum israelischen Außenminister. (4) Es gibt weitere Gründe, um abgestoßen zu sein, wie die fortgeführte ethnische Säuberung in Jerusalem, die Pläne zur Erweiterung der illegalen Siedlungen, einige Morde, die Entführung von Fischern aus Gaza und so weiter, aber diese Details erreichen den globalen Diskurs nicht, weil … , nun, weil sie es nie getan haben. Die Frage ist, wie echt das Erstaunen über Gaza ist.

Hat sich vielleicht etwas an der israelischen Politik geändert? Sind das alles wirklich ganz neue Phänomene, die wie aus heiterem Himmel plötzlich im Diskurs stehen? Oder sehen wir hier nur die Konsequenz einer kontinuierlichen Strategie, die bereits vor mehr als sechzig Jahren begonnen hat? Vieles spricht für Letzteres, vor allem die Fakten. Blicken wir doch einmal zurück auf das Jahr 1948 …

Deir Jassin und die Menschenrechte

1948 war ein besonderes Jahr. Es war geprägt von Plan D, dem israelischen Plan zur ethnischen Säuberung Palästinas. (5) Dabei vertrieben jüdische Truppen etwa 700.000 Menschen aus der einheimischen Bevölkerung des Landes und töteten viele der Männer im Kampfesalter. Die palästinensische Elite war bereits nach dem Palästinenser-Aufstand von 1936 verfolgt worden, kurz nachdem die erste palästinensische Partei gegründet war, die die Interessen der indigenen Bevölkerung im Zwei-Fronten-Kampf gegen die englischen Besatzer und die zionistischen Eroberer durchsetzen wollte. „Strafmaßnahmen“ wie das Zerstören von Wohnhäusern kamen ursprünglich von den Briten und wurden von den Zionisten später übernommen. Mehrere jüdische Terrorgruppen waren 1948 bekannt, so die Haganah, Irgun, die Stern-Bande, Lechi und andere. Sie töteten, nahmen den Bewohnern das Land weg und stellten später mehrere Ministerpräsidenten, die von der Weltöffentlichkeit problemlos akzeptiert wurden – ganz ähnlich wie heute.

Man sollte nicht denken, dass die Pogrome gegen die Bevölkerung Palästinas während der Ausführung von Plan D geheim waren. Als der spätere Ministerpräsident Menachim Begin am 9. April das arabische Dorf Deir Jassin angreifen und viele Bewohner töten ließ (selbstverständlich auch Kinder und Frauen), um Angst und Schrecken zu verbreiten, ging das durch die Weltpresse. Begin verteidigte die Tat mit einem typisch israelischen Bonmot: „Das Massaker von Deir Jassin hatte nicht nur seine Berechtigung – ohne den ‚Sieg‘ von Deir Jassin hätte es auch niemals einen Staat Israel gegeben.“ (6) Vier Jahre später versuchte derselbe Begin, den deutschen Bundeskanzler Adenauer zu ermorden (7) und 1978 bekam er den Friedensnobelpreis.

Als Deir Jassin durch die Presse ging, war das Entsetzen über die Tat groß, ganz ähnlich wie jetzt nach Gaza. Alle waren erstaunt und empört, auch die Täter, wie Haganah und die Jewish Agency. Ein Muster bildete sich, das Muster vom „Schießen und Weinen“, also vom Töten mit anschließendem Gejammere. Dies hat funktioniert: Niemals hat es für Israel Konsequenzen gegeben. Das Töten, die Enteignungen und die Erniedrigung der lokalen Bevölkerung gehört bis heute zu den deutlichsten Merkmalen israelischer Politik. Nichts hat sich geändert.

Am Ende des Jahres 1948 waren weite Teile Palästinas „Palästinenser-frei“, mehr als das Gebiet, das die internationale Gemeinschaft und die UNO den Juden zugestanden hatten (mit der expliziten Forderung nach guter Behandlung der lokalen Bevölkerung). Wir erinnern uns daran, dass die internationale Gemeinschaft entschieden hatte, Land an die Opfer des europäischen Genozids an den Juden zu geben und alle waren glücklich mit der Palästina-Entscheidung … außer den Leuten, die in der Region gelebt haben, natürlich, denn es war ihr Land nach allen internationalen und logischen Standards. Waffen und Mythen (8) brachten sie zum Schweigen.

1948 war auch das Jahr der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Im Dezember, als Israel auf dem Blut der Palästinenser errichtet wurde, feierte die Welt die Menschenrechte und kümmerte sich kein bisschen um Palästinenser. Die Welt wollte Menschenrechte mit Ausnahmen, aber das hat nicht funktioniert. Heute, sechzig Jahre später, beginnen wir, dies zu verstehen.

Der arische Staat hat nicht funktioniert, versuchen wir es mit einem jüdischen Staat …

Durch seine Geschichte ist Israel mit der Deir-Jassin-Politik fortgefahren und heute sind weniger als 10 oder 5 Prozent des Landes palästinensisch. An weltweiten Tagen der Flüchtlinge wird über Palästinenser nicht gesprochen, obwohl sie mit weit mehr als fünf Millionen die größte Flüchtlingsgruppe der Welt darstellen. Dies funktioniert nur deshalb, weil Palästinenser (und Araber und Muslime im Allgemeinen) gebraucht werden, um die Rolle des Antisemiten einzunehmen, die für die zionistische Ideologie substanziell notwendig ist.

Es ist, als ob die Welt sagt: Der arische Staat hat nicht funktioniert, versuchen wir es mit einem jüdischen Staat … Ist es wirklich so erstaunlich, dass wir heute verblüffende Ähnlichkeiten zwischen den beiden erkennen können? (9) Die israelische Bevölkerung steht heute exakt vor der Frage der „Endlösung“, weil Israel einerseits keinen Frieden machen kann (dies würde Gerechtigkeit für die Palästinenser implizieren, eine undenkbare Idee für Israels Entscheidungsträger) und es andererseits den Konflikt beenden muss. Mit extremen Gewaltpolitikern wie Netanjahu und Lieberman rückt der „Transfer“-Plan näher, also der Gedanke, die Palästinenser en masse zu vertreiben, wie in alten Zeiten. Wenn dies geschieht, wird es natürlich nicht Frieden bedeuten, sondern mehr Gewalt und noch stärkeren Widerstand. Man kann also seiner Fantasie freien Lauf lassen, um sich vorzustellen, wie eine solche Endlösung aussehen kann.

Es ist nicht bekannt, wie viele Palästinenser noch sterben müssen, bevor die Welt erkennt, dass es sich um Menschen handelt und nicht um Antisemiten. Im Moment dauert das Töten an, die Gaza-Spitze hat bislang nicht zu einer wirklichen Kritik geführt. Demnach ist Israel ermutigt weiterzumachen und zu sehen, wie weit es gehen kann. Niemand soll sich vormachen, dass es das jetzt gewesen ist, niemand soll denken, dass Israel jetzt einsehen wird, dass es so nicht weitergeht. Die Zionisten haben gelernt, dass sie sich alles erlauben können ohne jemals bestraft zu werden. Am 22. März 2009 erreichten 14.000 Tonnen neuer US-Waffen den Hafen Ashdod auf dem deutschen Frachtschiff „MS Wehr Elbe“ (Eigentümer: Oskar Wehr KG, Hamburg). (10) Allein mit diesen Waffen können Zehntausende von Menschen getötet werden.

Der jüdische Staat wird zusammenbrechen, wie auch der arische Staat zusammengebrochen ist, weil beide den Samen der Selbstzerstörung bereits in sich tragen. Beide sind deutlich rassistisch, gewalttätig und expansionistisch. Dieses Mal trifft es Araber und Muslime statt Juden. Mehr als sechzig Jahre lang war die internationale Gemeinschaft blind gegenüber dieser Tatsache, obwohl sie so offensichtlich ist, dass gewöhnliche Leute es wissen und auch aussprechen – nicht Politiker oder Journalisten oder andere, die die Öffentlichkeit brauchen.
 
Länder wie Deutschland haben sogar eine „Staatsräson“, um die Verfolgung der Palästinenser, Araber und Muslime zu sichern, indem sie es eine „historische Verantwortung“ nennen. Es gibt keinen anderen möglichen Grund zur Einführung dieser „Staatsräson“ als den, dass es sich um etwas höchst Illegales handelt, dass gedeckt werden soll.

Vielleicht können wir die Übrigen retten

Die repressive Toleranz westlicher Länder wie Deutschland oder die USA erlaubt es, all dies aufzuschreiben, weil es normalerweise nicht zu „gefährlichen“ Folgen in Richtung eines Wandels kommt. Viele Leute glauben, dass der zionistische Staat – anders als der Nazistaat – nicht mit Gewalt überwunden werden kann und also Bestand haben wird. Das ist ein Irrtum. Rassistische Regime dieser Art enden in der Selbstzerstörung, wenn sie nicht von Außen gestoppt werden. Was jetzt wichtig ist: Noch können wir Leben retten. Die etwa 1.500 Toten in Gaza können wir nicht mehr retten. Aber vielleicht können wir die Übrigen retten.

Ende Mai wird die Free-Gaza-Bewegung eine Flotilla aus Booten organisieren, die „Hope Fleet“, um die Blockade von Gaza zu durchbrechen. Du kannst helfen. (11) Das International Solidarity Movement (ISM) ist in Palästina präsent, um Palästinenser vor den zionistischen Mördern zu schützen. Du kannst sie unterstützen und Leben retten. (12) Dies ist eine kritische Phase und jede Hand wird benötigt, jede Zunge und jeder Cent. Boykottiert die Zionisten jetzt! Nehmt es endlich ernst! Boykottiert nicht-israelische Journalisten und Politiker, die das Töten unterstützen! Streitet mit ihnen! Unterstützt die Juden, die sich gegen Gewalt und für einen Frieden in Palästina einsetzen. Um der Menschlichkeit und um deiner selbst willen: Nimm nicht an diesem Morden teil.

Fußnoten:
1. z.B. im Spiegel, „Israelische Armee: Gaza-Veteranen schockieren mit Aussagen über wahllose Morde. Sie erschossen wehrlose Zivilisten, zerstörten Häuser palästinensischer Familien: Zum ersten Mal sind Berichte israelischer Soldaten über ihren Einsatz im Gaza-Krieg veröffentlicht worden – unzensiert. Das Militär will die Verbrechen untersuchen, die Öffentlichkeit ist entsetzt“, von Ulrike Putz, Beirut, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,614286,00.html
2. Siehe z.B. ‚Shooting and crying‘, von Amos Harel, http://www.haaretz.com/hasen/spages/1072475.html
3. Siehe z. B. http://news.sky.com 20.03.2009, „Israeli Army T-Shirts Mock Gaza Killings“, von Dominic Waghorn (URL zu lang)
4. Guardian 25.03.2009, „Avigdor Lieberman, Israel’s shame“, von Neve Gordon, http://www.redress.cc/palestine/ngordon20090327
5. Ilan Pappe, „Die ethnische Säuberung Palästinas“, 2001-Verlag, 6. Aufl. 2007
6. Markus A. Weingardt (2002): Deutsche Israel- und Nahostpolitik. S. 33
7. Siehe z.B. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.06.2006 „‚Im Auftrag des Gewissens‘. Begin war Drahtzieher des Adenauer-Attentats“, www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E35BBCD5A37DA47809AD4F6A865C6332B~ATpl~Ecommon~Scontent.html 8. Mythen wie „Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“, „arabische Aggressionen“, „antisemitische Araber/Muslime“, palästinensische Nazi-Kooperation (sie war viel weniger effektiv als zionistische Nazi-Kooperation), arabische militärische Überlegenheit/David gegen Goliath (Jordanien war damals das einzige Land mit einer vernünftigen Armee und dem jordanischen König wurde erfolgreich ein Teil der Beute angeboten, nämlich die Westbank); siehe auch John Rose (2006), „Mythen des Zionismus“
9. Dieser Vergleich ist im Mainstream nach wie vor verboten, „zum Schutz Israels“, aber er ist ebenso deutlich wie begründet und notwendig. Siehe meinen Essay „Der zweite Fall“, 05.02.2009, http://www.anis-online.de/1/essays/23.htm, auch: „Nach Gaza – Deutsche Öffentlichkeit übt Solidarität mit den Tätern“, 14.03.2009, http://www.anis-online.de/1/ton/55.htm
10. Amnesty International, Pressemitteilung, 01.04.09, United States Delivers Massive New Weapons Shipment to Israel, Confirmed by Pentagon, Says Amnesty International, http://www.amnestyusa.org/document.php?id=ENGUSA20090402002&lang=e (NB: Die deutsche Bundesregierung ist hier Mittäter: http://www.radio-utopie.de/2009/01/23/Bundesregierung-dementiert-Wissen-ueber-Waffentransport-nach-Israel-Chronologie-der-Wehr-Elbe-Affaere)
11. Siehe die Pressemitteilung und Updates unter www.freegaza.org
12. http://palsolidarity.org

Quelle: http://www.freegaza.org/de/home/804-shooting-and-crying-nothing-new-since-1948–or-is-it

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