GAZA CHRONOLOGIE 19.06.-27.12.2008

Hergestellt von Anis auf der Basis von Ivesa Lübben: „Warum der Waffenstillstand scheitern musste“, siehe Link oben
English: http://www.freegaza.org/en/home/768-gaza-chronology-june-19-december-27-2008

19. Juni:
Waffenstillstandsvereinbarung zwischen Israel und der Hamas-Regierung tritt für sechs Monate in Kraft. Israel bestand auf einer mündlichen Verabredung. Sie besagte: Einstellung aller gegenseitigen Militäraktionen, Öffnung von Gazas Grenzen nach 72 Stunden für 30% mehr Waren, unbegrenzter Warenverkehr nach zehn Tagen. Ägypten setzt sich dafür ein, dass das Abkommen auf die Westbank ausgedehnt wird. [Quelle: International Crisis Group: Ending the War in Gaza. Middle East Briefing No. 26, 5.1.2009, S.3]

19. Juni:
Israelische Kriegsschiffe schießen vier Raketen auf palästinensische Fischer in palästinensischen Gewässern. Am selben Tag lassen Kampfflugzeuge, die über Gaza-Stadt kreisen, Schall-Bomben explodieren und lösen eine Panik unter der Bevölkerung aus. In der Gegend von Khan Yunis schießen israelische Patrouillen über den Grenzzaun hinweg auf Bauern, die jenseits der Grenzbefestigungen auf ihren Äckern arbeiten. [Quelle: Ma`an 26.6.2008]. Dieses Szenario wiederholt sich fast täglich.

24. Juni:
Zwei junge Funktionäre des Jihad werden in ihrer Wohnung in Nablus durch Einheiten der IDF (Israeli Defence Forces) ermordet. Noch am selben Tag schießen die Quds-Brigaden als Vergeltung drei Raketen auf Sederot. [Quelle: Ma`an 24.6.2008] Die israelische Seite nimmt die Aktion des Jihad zum Anlass, die Grenzübergänge wieder zu schließen.

26. Juni:
Die Aqsa-Brigaden schießen eine Rakete auf Sederot, nachdem mehrere Fatah-Mitglieder in der Westbank bei Razzien der israelischen Armee verhaftet wurden. Die Aqsa-Brigaden wollen damit die Ausweitung des Waffenstillstandes auf die Westbank erzwingen. Der Sprecher der HAMAS-Regierung in Gaza warnt die Aqsa-Brigaden, sie würden mit ihrer Aktion die Aufhebung der Blockade zugunsten enger organisationspolitischer Interessen verhindern.

29. Juni:
Eine Delegation von Farmern beschwert sich beim Hamas-Landwirtschaftsminister, sie könnten wegen des israelischen Beschusses nicht mehr die Äcker entlang des Grenzzaunes bestellen.

4. August:
Trotz der Einhaltung der Waffenruhe durch die Hamas droht der israelische Verteidigungsminister Ehud Barak auf einer Sitzung der israelischen Arbeiterpartei mit einem Truppeneinmarsch im Gazastreifen.

8. August:
Der Direktor des Geheimdiensts Shin Bet, Yuval Diskin, ist der Ansicht, ein Waffenstillstand würde den Druck auf die Hamas Shalit freizulassen verringern. Er ruft die Armee auf, sich auf einen größeren Militärschlag vorzubereiten. [Quelle: Ma`an 8.8.2008] Diese Äußerungen verstärken unter den Palästinensern den Eindruck, dass der Waffenstillstand seitens der israelischen Militärführung nur dem Zeitgewinn zur Vorbereitung einer Offensive dient.

29. September:
Die israelische Marine versenkt ein Fischerboot [Quelle: http://www.btselem.org/english/testimonies/20080910_israeli_navy_ boat_charges_into_a_fishing_boat_witness_al_hasi.asp], nachdem Fischerboote mehrfach beschossen und gerammt worden sind.

4. November:
Israelische Truppen dringen nach Khan Yunis ein. Gezielt eingesetzte Projektile töten sechs Hamas-Mitglieder und verwunden mehrere Menschen, darunter eine Frau. In Deir al-Balah werden mehrere Raketen auf Wohngebiete abgeschossen. In der Nähe von Wadi Salqa werden zwei Häuser der Hawaidi-Familie zerstört und sieben Familienmitglieder – darunter drei Frauen – nach Israel verschleppt. Am gleichen Tag verbieten israelische Grenzposten französischen Konsulatsbeamten, die sich ein Bild von der Lage machen wollen, den Gazastreifen zu betreten. (Ein Hintergrund: Der dubiose Tunnelbauer Abu Dawabah wird verhaftet und behauptet beim Verhör, dass ihm sowohl von der Hamas wie auch von den Aqsa-Brigaden Geld für die Entführung eines israelischen Soldaten geboten worden sei. [Quelle: Ma`an 3.11.2008] Einen Tag später erfolgt ein Dementi aus dem Hamas-Innenministerium. [Siehe auch: International Crisis Group: Ending the War in Gaza. Middle East Briefing No. 26, 5.1.2009, S.5.])

5. November:
Wohngebiete im Norden des Gazastreifens und in Khan Yunis werden beschossen. Israelische Truppen töten einen Führer des Jihad und sechs Hamas-Funktionäre. Daraufhin schießen die Hamas, die Aqsa-Brigaden und der Jihad Raketen auf Israel. Bis dahin hatte sich die Hamas vollständig an die Vereinbarung gehalten. Der Jihad und die Aqsa-Brigaden erklären, der Waffenstillstand werde sie nicht davon abhalten, auf israelische Verletzungen des Abkommens zu reagieren. Trotzdem will die Hamas am Waffenstillstand festhalten und bittet Ägypten um Vermittlung.

5. November:
Der Gazastreifen wird komplett abgeriegelt. Selbst Lebensmittel, Medizin, Benzin, Ersatzteile für Generatoren und Wasserpumpen, Papier, Telefone und Schuhe werden nicht mehr oder nur in minimalen Mengen in den Gazastreifen gelassen.

8. November:
Israelische Bulldozer dringen an mehreren Stellen in den Streifen ein. Es kommt zu bewaffneten Zusammenstößen mit Einheiten der DFLP.

9. November:
Hamas-Chef Ismail Haniya erklärt gegenüber Europaabgeordneten, die mit einem Schiff der Free-Gaza-Bewegung die Seeblockade durchbrochen und Gaza besucht hatten, die Hamas könne mit einer Lösung des Palästinaproblems auf der Basis der UN-Resolutionen leben [Quelle: Ma`an 9.11.2008]

12. November:
Vier weitere Hamas-Mitglieder werden getötet. Israelische Flugzeuge schießen Raketen auf Wohngebiete. Die palästinensischen Fraktionen werden dem Waffenstillstand gegenüber immer skeptischer. Israelische Bulldozer schlagen auf dem Gebiet des Gazastreifens eine 150 m breite Schneise für Militärpatrouillen und zerstörten dabei etwa 750 ha Agrarland. [Quelle: Ma`an 12.11.2008].

13. November:
Israelische Grenzer verbieten einem UN-Lebensmittelkonvoi, die Grenze zu passieren. Die DFLP erklärt, es gehe Israel nicht um einen Waffenstillstand, sondern darum, den Widerstand gegen die Besatzung zu brechen. In den nächsten Tagen schießen die PFLP, die DFLP, die Volkskomitees und die Hamas Projektile auf israelische Orte, während israelische Flugzeuge den Norden des Gazastreifens bombardieren.

16. November:
Der israelische Transportminister ruft dazu auf, die gesamte Hamas-Führung umzubringen. Bei neuen Angriffen werden vier Mitglieder der Volkskomitees getötet. Inzwischen sind 15 Menschen bei den Luftangriffen der letzten Tage ums Leben gekommen. Die Volkskomitees erklären den Waffenstillstand für beendet. Ihr Sprecher gibt Israel die Verantwortung.

17. November:
Die DFLP und der Jihad schießen Raketen nach Israel.

18. November:
Die Lebensmittelkrise spitzt sich immer weiter zu. 50% der Bäckereien können wegen Mangels an Mehl nicht mehr arbeiten. Andere verwenden Tierfutter zum Brotbacken. Israelische Panzer dringen in den Streifen ein, es kommt zu bewaffneten Zusammenstößen mit der PFLP und den Mujahedin, einer weiteren Widerstandsgruppe der Fatah. Israelische Marine-Soldaten verhaften 15 Fischer und drei ausländische Solidaritätsaktivisten vor der Küste Gazas. Die „Internationals“ hatten die Fischer in der Hoffnung begleitet, dass ihre Anwesenheit ein Mindestmaß an Schutz gewähren würde. Sie werden nach Israel verschleppt und nach sechs Tagen Isolationshaft ausgewiesen. [Quelle Ma`an 18.11.2008] Die drei Fischer-Boote wurden nach 9 Tagen wieder zurückgegeben, ein Boot war allerdings beschädigt, die GPS-Geräte fehlten. Den Solidaritätsaktivisten wurde während der Tage im Gefängnis der Kontakt zu Rechtsanwälten und ihren Botschaften verwehrt. [Quelle: http://www.freegaza.org/de/home/547-three-palestinian-fishing-boats-returned und: http://www.freegaza.org/de/home/558-kidnapped-in-gaza]

20. November:
Erneut wird ein Hamas-Mitglied durch gezielten Raketenbeschuss ermordet. Die Hamas gerät zunehmend unter Druck der anderen Gruppen, aber auch der eigenen Basis, die fordert, sie solle die israelische Seite zur Einhaltung des Waffenstillstandes zwingen. Aber wie?

23. November:
Aus diplomatischen Quellen heißt es, die Ägypter hätten sich eingeschaltet und zwischen der Hamas und der israelischen Regierung die Rückkehr zum Waffenstillstand zu den ursprünglich ausgehandelten Bedingungen vereinbart. Dies wird von der Hamas bestätigt. Hamas-Sprecher Ayman Taha erklärt außerdem, dass sich auch die anderen Widerstandsgruppen zur Fortsetzung des Waffenstillstandes bereit erklären – unter der Bedingung, dass die Blockade aufgehoben wird. Die israelische Seite äußert sich nicht dazu.

24. November:
Ein Mitglied der Volkskomitees stirbt durch eine israelische Rakete. Der israelische Verteidigungsminister Barak nimmt den Befehl, die Grenze für dringend benötigte Lebensmittellieferungen zu öffnen, wieder zurück, nachdem laut israelischer Angaben Raketen abgeschossen wurden, für die jedoch kein Bekennerschreiben vorliegt. Schon im August waren mehrfach Raketen ohne Bekennerschreiben aus dem Gaza-Streifen in die Negev-Wüste geschossen worden, woraufhin jeweils die Grenzen geschlossen wurden. Hamas-Führer Mammud al-Zahhar warf damals israelischen Agenten vor, sie wollten den Vorwand für einen Truppeneinmarsch schaffen. [Quelle: Ma`an 12.9.2008] Zeitgleich tauchen auch die Namen von Gruppen wie Ahrar al-Jalil, Tawhid-Brigaden, oder Hisb Allah-Einheiten auf, von denen zuvor niemand in Gaza gehört hat und die niemand kennt. Manche vermuten, dass es sich dabei um Kollaborateure handelt, die den Waffenstillstand korrumpieren wollen. Andere Stimmen meinen, dass es sich um kleine radikale Zellen handelt, die glauben, dass die Hamas zu vielen Konzessionen gemacht hätte.

28. November:
Die israelische Armee tötet einen Mann aus Khan Yunis, der keiner Organisation angehört. Am selben Tag werden acht israelische Soldaten an einem Grenzposten durch Angriffe der Mujahedin verletzt.

30. November:
Der Jihad erklärt, er fühle sich nicht mehr an den Waffenstillstand gebunden. Die Aqsa-Brigaden schießen wieder Projektile auf Sederot. Über Vermittler aus Qatar werden die Hamas und der Jihad gewarnt, dass Israel eine groß angelegte Militäroffensive in den Gazastreifen plane. Die politische Hamas-Führung richtet einen dringenden Appell an die bewaffneten Gruppen einschließlich ihrer eigenen Qassam-Brigaden, den Feuerbeschuss auf israelische Orte einzustellen.

2. Dezember:
Wieder dringen israelische Panzer in den Gazastreifen ein. Bei Luftangriffen werden zwei Teenager getötet.

4. Dezember:
Die Aqsa-Brigaden schießen Raketen auf Ashkelon.

5. Dezember:
Massive Übergriffe von jüdischen Siedlern auf Palästinenser in Hebron. Während die Aqsa-Brigaden, die DFLP und die Quds-Brigaden des Jihad als Reaktion auf die Vorfälle in der Westbank Raketen auf israelische Orte schießen, organisiert die Hamas Solidaritätsdemonstrationen mit den Palästinensern in Hebron, um das, was von dem Waffenstillstandabkommen übrig geblieben ist, nicht auch noch zu gefährden.

7. Dezember:
Im Gazastreifen wird die Blockade immer enger. Ein Schiff mit Friedensaktivisten aus Israel, das Lebensmittel und Geschenke für Kinder anlässlich des Opferfestes nach Gaza bringen will, wird von israelischen Kriegsschiffen zur Umkehr gezwungen. Nicht anders ergeht es einem Schiff aus Qatar und einem weiteren aus Libyen, die Lebensmittel nach Gaza bringen wollen.

13. Dezember:
Tzipi Livni erklärt, dass im Falle der Gründung eines palästinensischen Staates die in Israel lebenden Palästinenser aus Israel ausgebürgert würden. Inzwischen sieht keine Organisation mehr einen Sinn in der Verlängerung des Waffenstillstandes. Regelmäßig beschießen Brigaden der DFLP, der Aqsa-Brigaden, der Volkskomitees und des Jihad israelische Orte. Die politische Führung der Hamas in Gaza, vor allem der de-facto-Präsident Haniya hat keine Mittel, das zu unterbinden, da auch der eigene bewaffnete Flügel, die Qassam-Brigaden keinen Sinn mehr im Waffenstillstand sieht.

14. Dezember:
Die Hamas-Auslandsführung erklärt durch Khaled Mashaal, die Hamas lehne eine Verlängerung ab, während Haniya immer noch hofft, dass es mit ägyptischer Vermittlung zu einer Verlängerung kommt.

19. Dezember:
Am Tag an dem das sechsmonatige Waffenstillstandsabkommen ausläuft, erklären alle Fraktionen auf getrennten Massenveranstaltungen, dass sie den Waffenstillstand für beendet halten – auch die Fatah.

20. Dezember:
Fawzi Barhum, der Sprecher der Hamas, ruft alle Fraktionen zur Bildung einer gemeinsamen Widerstandsfront auf. Auf die russische Forderung, die Hamas möge die Erneuerung des Waffenstillstandes erwägen, antwortet er verbittert, dass es an der internationalen Gemeinschaft sei, Druck auf Israel auszuüben, seine Angriffe auf das palästinensische Volk einzustellen, anstatt die Opfer dieser Angriffe zu beschuldigen. [Quelle: Ma`an 21.12.2008]. Aber die Ägypter reagieren nicht.

23. Dezember:
Der ehemalige Außenminister der Hamas-Regierung, Mahmud al-Zahhar, erklärt noch einmal, dass die Hamas zur Fortsetzung des Waffenstillstandsabkommens bereit sei, wenn sich Israel an die im Juni vereinbarten Bedingungen – also vor allem die Aufhebung der Blockade – hält. Allerdings ist der Diskurs der Qassam-Brigaden gedämpfter. Abu Ubaida, Sprecher der Qassam-Brigaden, spricht lediglich von der Möglichkeit der Aussetzung der Kampfhandlungen, nicht mehr von einem Waffenstillstand und will auch Aktionen in Israel nicht ausschließen, falls dieses mit seiner Aggression in Gaza, nicht aufhört [Quelle: Ma`an, 23.12.2008].

27. Dezember:
Israel greift den Gazastreifen militärisch an und tötet bis zum 18. Januar etwa 1.360 Menschen, überwiegend Zivilisten, darunter mehr als 400 Kinder. Viele Tausend werden verletzt und obdachlos. Israel verwendet Phospor als Waffe, pflügt einen Friedhof um, schießt auf UNO, Schulen, Moscheen etc. Auf israelischer Seite sterben etwa 13 Personen, einige davon durch eigene Soldaten. Die westliche Welt gibt Hamas die Alleinschuld für die Katastrophe.

http://www.anis-online.de/1/essays/gazaliste/chronologie.htm

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